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Kommunales Kino Oberkirch
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Programm

30.05.2017 - 20:00

Das Labyrinth der Wörter; F 2010; Regie: Jean Becker

Seinem Umfeld galt Germain (Gérard Depardieu) seit je her als schlicht. Und das nicht nur, weil der nach rund 50 Jahren auf dieser Welt immernoch nicht richtig Lesen und Schreiben gelernt hat. Eines Tages kommt der gutmütige Riese auf einer Parkbank ins Gespräch mit einer alten Dame. Die beiden mögen vierzig Jahr und hundert Kilo auseinander liegen, dennoch freundet sich Germain blitzgeschwind mit Margueritte (Gisèle Casadesus) an und lauscht bedächtig, wenn sie ihm aus Romanen vorliest und ihn damit in die fremde Welt der Wörter und Zeichen führt. Als sie langsam erblindet, entscheidet Germain sich ihr zuliebe, sein Versäumnis nachzuholen – fleißig übt er, Buchstaben in Sprache zu übersetzen...

Um die platonische Beziehung zwischen Germain und Margueritte kreist dieser stille Film. Es handelt sich um eine traditionelle Bildungsgeschichte, die ohne Dünkel und pädagogischen Hochmut erzählt wird. Buch um Buch scheint das Leben Germain plötzlich mehr zu bieten als das bloße Dasein des grobgeistigen Dorftrottels. Literatur wird zu einem Versprechen, einer Entdeckungsreise, die Germain zögerlich und mit Scham beginnt. Denn zunächst hat er Angst, mehr zu sehen, als er vielleicht vertragen könnte.

27.06.2017 - 20:00

Reihe Unterwegs: Ich bin dann mal weg; D 2015; Regie: Julia von Heinz

"Ich bin dann mal weg" ist die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Hape Kerkeling über seinen Pilgerweg von St.-Jean-Pied-de-Port in den französischen Pyrenäen nach Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens:

Hans-Peter Kerkeling ist 36 Jahre alt, hat soeben einen Hörsturz und die Entfernung der Gallenblase überwunden, als er im Sommer 2001 aufbricht zu seinem 769 Kilometer langen Fußmarsch vom französischen Saint-Jean-Pied-de-Port ins spanische Santiago de Compostela.

Regisseurin Julia von Heinz zeigt zu Beginn ihrer Adaption einen eindrucksvoll aufgedunsenen Devid Striesow samt Doppelkinn und stattlicher Plauze, dem auf der Bühne erst die Herzen zufliegen, dann die Sinne schwinden - und dem ein Arzt nach dem Zusammenbruch wochenlange strikte Ruhe verordnet. Bald schon reicht es Kerkeling nicht mehr, auf dem heimischen Lieblingssofa eine Zigarette nach der anderen zu inhalieren und dabei die Katze zu streicheln. Also auf in die Pyrenäen!

11.07.2017 - 20:00

Unterwegs mit Jacqueline; F 2016; Regie: Mohamed Hamidi

Die schöne Kuh Jacqueline ist Fatahs ganzer Stolz. Der größte Traum des algerischen Bauers ist es, sie eines Tages auf der Landwirtschaftsmesse in Paris zu präsentieren. Als er tatsächlich eine offizielle Einladung aus Frankreich bekommt, gibt es für ihn kein Halten mehr. Mit der Unterstützung der gesamten Dorfgemeinschaft treten Fatah und seine Kuh eine abenteuerliche Reise an: zuerst mit dem Boot übers Mittelmeer nach Marseille und von dort zu Fuß einmal quer durch Frankreich. Im Laufe dieser Odyssee, die viele Überraschungen und unerwartete Wendungen bereithält, trifft Fatah viele ungewöhnliche Menschen, die ihm dabei helfen, seinen Traum wahr werden zu lassen....

Französisches Wohlfühlkino vom Feinsten: Die algerisch-französische Komödie hat alles, was ein Sommerhit braucht – Spaß, Leichtigkeit und dazu einen absolut brillanten, sympathischen Hauptdarsteller. Fatsah Bouyahmed spielt den algerischen Bauern Fatah, der mit seiner Kuh Jacqueline die ganze Strecke von Marseille nach Paris zur Landwirtschaftsaustellung läuft und dabei allerhand Abenteuer erlebt, viele Menschen kennenlernt und zum Internethelden avanciert. Ein modernes Märchen, das nicht immer realistisch ist, aber dafür umso liebenswerter. Ein entzückender Film!

25.07.2017 - 20:00

Tschik; D 2016; Regie: Fatih Akin

Kann "Tschick" im Kino dem Buch-Bestseller gerecht werden? Regisseur Fatih Akin wagte es mit seiner ersten Literaturverfilmung, heraus kam das perfekte Roadmovie.

Während die Mutter in der Entzugsklinik und der Vater mit seiner Assistentin auf "Geschäftsreise" ist, verbringt der 14-jährige Außenseiter Maik Klingenberg die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, stammt aus dem tiefsten Russland, kommt aus einem der Hochhäuser in Berlin-Marzahn - und hat einen geklauten Lada dabei. Damit beginnt eine Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende ostdeutsche Provinz. Die Geschichte eines Sommers, den alle einmal erleben wollen... Der beste Sommer von allen eben!

 

Die Romanvorlage wurde mehr als zwei Millionen Mal verkauft, mit diversen Preisen ausgezeichnet und vor allem: von seinen Lesern so heiß geliebt wie wenige Veröffentlichungen der letzten Jahre. Insofern ist die Erwartungshaltung an seine Verfilmung sehr groß und wird gleichzeitig von bangen Fragen dominiert: Klappt das? Oder macht der Film die Leseerfahrung kaputt? Braucht man ihn überhaupt?

Und tatsächlich braucht man "Tschick", den Film, unbedingt, wenn man "Tschick", den Roman, begeistert verschlungen hat. Denn wohl jeder Leser hat bei der Lektüre des Romans die gleiche Erfahrung gemacht: Man wollte, wie die beiden Protagonisten Maik und Tschick, dass ihre Reise nie zu Ende gehen möge. Jetzt hat man im Kino die Möglichkeit, sie mit ihnen noch einmal zu bestreiten. Für 90 Minuten wenigstens darf man noch einmal eintauchen in die Welt aus Wolfgang Herrndorfs Imagination, diese Welt, so hart und traurig wie die wirkliche, und doch so merkwürdig zart und leicht und lustig, so verzaubert.

19.09.2017 - 20:00

Reihe Japan: "Unsere kleine Schwester" JAP 2015; Regie: Hirokazu Koreeda

Kino das glücklich macht! Durch einen Tunnel aus rosafarbenen Kirschblüten und die Wunderkerzen bei einer nächtlichen Kimono-Party: Dieser Film bringt Sie nach den Sommerferien gut ins restliche Jahr. Mit dem hinreißend schönen Familienstillleben aus Japan.

Die Schwestern Sachi, Yoshino und Chika leben gemeinsam in einem großen Haus in Kamakura, einer Küstenstadt unweit von Tokio. Zur Beerdigung ihres Vaters, der die Familie vor 15 Jahren verlassen hat, reisen die drei jungen Frauen aufs Land. Dort treffen sie ihre Halbschwester Suzu, die nun auf sich allein gestellt ist. Obwohl sie die schüchterne 13-Jährige kaum kennen, bieten sie ihr kurzerhand an, zu Ihnen nach Kamakura zu ziehen. Suzu nimmt die Einladung an, und so beginnt für die vier Schwestern ein neues Leben, in dem zwar die Vergangenheit ihren Platz hat, aber einzig die Gegenwart zählt.

Koreedas Film übernimmt die episodische Form der Vorlage des in Japan populären Mangas Unimachi Diary – Tagebuch aus einem Küstenstädtchen. Mit leichtfüßigen Sprüngen kann er so die verschiedensten Ebenen verbinden: Den Schul- und Berufsalltag, die Liebesgeschichten und Flirts von vier jungen Frauen im modernen Japan. Und ihre kleinen und großen Rituale. Es gibt den Ahnenaltar im Wohnzimmer, den von der Großmutter geerbten Kimono, die gemeinsame Zubereitung des Pflaumenweins, dessen Jahrgänge eine Art Familienchronik sind. Oder auch das kollektive, alle Geschichten durchdringende Ritual des Kirschblütenfests. Immer wieder kann man nur staunen darüber, wie wenig es hier braucht, um alles zu erzählen. Etwa wenn in der Küche, beim Sprechen über ein Gericht und die damit verbundene Erinnerung, das so unterschiedliche Verhältnis der jüngsten und der ältesten Schwester zum Vater aufscheint: die Nähe der einen und die leise Trauer und Enttäuschung der anderen. In diskret gerahmten Einstellungen folgt Koreeda diesen feinfühligen Wesen, die auf eine völlig unpathetische Art auch zu unseren Schwestern im Geiste werden. Man fühlt sich fast ein bisschen verlassen, als der Film plötzlich vorbei ist.

26.09.2017 - 20:00

Kirschblüten und rote Bohnen JAP 2015; Regie: Naomi Kawase

Es ist eine einfache Geschichte, die Naomi Kawase in ihrem neuen Film erzählt – die dreier Außenseiter, die sich zufällig begegnen. Der Ort der Begegnung ist die kleine Bäckerei, in der Sentaro seine mit süßer roter Bohnenpaste ("An" genannt – so auch der japanische Originaltitel des Films) gefüllten "Dorayakis" anbietet: eine Art dicker Pfannkuchen, der auseinander geschnitten und dann mit der Paste bestrichen wird.

Die Süßigkeit erfreut sich vor allem bei den Schülern aus der Nähe einiger Beliebtheit, obwohl Sentaro eigentlich überhaupt nicht mag, was er da tut. "Ich stehe nicht so auf Süßes", bekennt er mehrmals und es verwundert schon ein wenig, dass er sich ausgerechnet diesen Beruf ausgesucht hat. Dann steht eines Tages – es ist zur Zeit der Kirschblüte – Tokue vor seiner Tür, eine ältere Dame, die sich auf seinen Zettel meldet, dass er eine Aushilfe sucht......

Zuerst ist Sentaro wenig begeistert von dem Angebot, doch das ändert sich sofort, als er die Bohnenpaste versucht, die Tokue, die von da an regelmäßig vorbeischaut, zum Versuchen gibt. Denn diese ist so köstlich, dass der Bäcker sofort alle Bedenken und Vorbehalte über den Haufen wirft und die kleine alte Frau mit den verkrüppelten Händen einlädt, die von nun an jeden Morgen in einem langwierigen Prozess die Paste herstellt.

Man muss lieben, was man tut und es benötigt Sorgfalt, wenn eine Rezeptur gelingen soll - es sind im Grunde einfache Weisheiten, die aus Tokues Mund kommen – und doch verfehlen sie nicht ihre Wirkung auf Sentaro und Wakana. Ohne Zweifel wird sie Spuren hinterlassen in deren Leben – und eine Rezeptur für die süße Bohnenpaste, an die sich jeder erinnern wird, der sie einmal gekostet hat.

10.10.2017 - 20:00

Grüße aus Fukushima; D 2016; Regie: Doris Dörrie

Die junge Deutsche Marie ist eine, die auszieht, das Fürchten zu lernen. Auf der Flucht vor ihren zerplatzten Lebensträumen und dem Verlust ihrer großen Liebe reist sie für die Organisation Clowns4Help in die Präfektur Fukushima. Zusammen mit dem Clown Moshe will sie den überlebenden Opfern der Dreifachkatastrophe von 2011, die auch Jahre später immer noch in Notunterkünften leben, ein wenig Freude bringen. Schweres leichter machen. Eine Aufgabe, für die Marie, das muss sie sich schon bald eingestehen, überhaupt nicht geeignet ist. Doch bevor sie erneut davon läuft, beschließt Marie ausgerechnet bei der störrischen alten Satomi zu bleiben, der letzten Geisha Fukushimas, die auf eigene Faust in ihr zerstörtes Haus in der Sperrzone zurückziehen will. Zwei Frauen wie sie unterschiedlicher nicht sein können, die aber beide - jede auf ihre Art - in der Vergangenheit gefangen sind und lernen müssen, sich von ihren Erinnerungen zu befreien.

Lachen ist zweifellos gesund. Wie es sich allerdings mit Radioaktivität und Heiterkeit im Speziellen verhält, da fehlen vermutlich noch einige Untersuchungen. Für die junge Deutsche Marie werden sie nicht ausschlaggebend sein. Sie will jetzt schon Gutes tun, und so kommt sie mit ein paar anderen guten Geistern in die weitgehend entvölkerte Gegend in Japan, in der im Jahr 2011 ein Erdbeben eine nukleare Katastrophe ausgelöst hat. Clowns4Help nennt sich das Unternehmen. Marie ist für Hula-Hoop zuständig. Sie setzt auf die therapeutische Wirkung von Hüftschwüngen. Zum Lachen ist ihr selber nicht zumute, aber so ist das ja häufiger mit Menschen, die helfen wollen: Sie verhelfen sich damit zu einer Alternative zu den eigenen Problemen......

17.10.2017 - 20:00

Kooperation mit PAuLA und BUND: "Watermark", CAN 2014

Wasser ist Grundlage jeden Lebens und hat seit jeher eine starke Anziehungskraft auf den Menschen. Es ist wichtiger Bestandteil unserer Ernährung, Lebensraum für viele Tiere, dient als Energieerzeuger und ist nicht zuletzt Sehnsuchtsort vieler Menschen. Wasser hat unseren Planeten geschaffen und ihm Form verliehen, doch der Umgang des Menschen mit dem kostbaren Element verändert und prägt das Gesicht unserer Erde. WATERMARK (OT) erzählt in 20 Geschichten, gefilmt in 10 Ländern rund um den Globus, von der Lebensnotwendigkeit und der Schönheit des Elements Wasser.

Wir zeigen WATERMARK in der Mediathek!

In teils aus der Luft aufgenommenen Bildern schlägt WATERMARK (OT) einen eindrucksvollen Erzählbogen vom größten Staudamm der Welt im chinesischen Xiluodu, über das ausgetrocknete Flussdelta des einst mächtigen Colorado und den Surf U.S. Open in Huntington Beach, bis hin zum bewegenden Kumbh Mela-Fest in Allahabad (Indien), wo sich 30 Millionen gläubige Hindus bei einem gleichzeitigen rituellen Bad im Ganges reinwaschen. Ohne Wasser gibt es kein Leben, keine Zivilisation, keine wirtschaftliche Entwicklung. Wasser wird gestaut, um Energie zu gewinnen, es wird umgeleitet, um Wüste in Farmland zu verwandeln und Städte bewohnbar zu machen – meist mit verheerenden Konsequenzen. Der Dokumentarfilm WATERMARK (OT) der mehrfach ausgezeichneten Regisseurin Jennifer Baichwal und dem international bekannten Fotografen Edward Burtynsky lädt auf eine beeindruckende Reise zu verschiedenen Orten auf der Welt ein, die der menschliche Eingriff in den Wasserkreislauf tiefgreifend verändert hat. Burtynsky ist bekannt für seine hochauflösenden Fotos, die die weitreichenden Folgen menschlichen Wirkens auf die Natur dokumentieren und stellt dies in WATERMARK (OT) unter Beweis. Der Film zeigt den Zuschauern in faszinierenden Bildern die universelle Bedeutung von Wasser für den Menschen und welchen Stellenwert diese wichtige Ressource für die Zukunft hat. WATERMARK (OT) ist Abschluss von Burtynskys fünfjähriger Beschäftigung mit dem Thema „Wasser“, das u.a. den Bildband „Burtynsky: Water“ (Steidl Verlag) beinhaltet, und gleichzeitig das Nachfolgeprojekt des Dokumentarfilms „Manufactured Landscapes“ (2006) ist, das die Regisseure gemeinsam mit Kameramann Nicholas de Pencier, der auch Produzent des Films ist, umsetzten.

21.11.2017 - 20:00

Reihe "Deutsche Regisseurinnen": 24 Wochen; D 2016; Regie: Anne Zohra Berrached

2016 kamen viele herrausragende Filme deutscher Regisseurinnen in die Kinos. Drei ausgewählte Produktionen zeigt das Kommunale Kino zum Jahresabschuss:

Die Moral kann hier nicht mithalten: Anne Zohra Berracheds Kino-Drama „24 Wochen“ über eine Spätabtreibung lehrt etwas Seltenes – Demut vor dem Leben, wie es gerade kommt.

Die Bühne, das Scheinwerferlicht - Astrid lebt und liebt ihren Beruf als Kabarettistin mit Hingabe, während ihr Mann und Manager Markus sie gelassen und gekonnt unterstützt. Doch als die beiden ihr zweites Kind erwarten, wird ihr sonst so durchgetaktetes Leben unerwartet aus der Bahn geworfen: Bei einer Routineuntersuchung wird Trisomie 21 festgestellt. Zunächst wissen beide nicht, wie sie damit umgehen sollen, doch sie entscheiden sich gemeinsam für ein Leben mit Down Syndrom. Mit der gleichen Stärke, mit der sie bisher ihren Alltag in der Öffentlichkeit gemeistert haben, bereiten sich die zukünftigen Eltern auf ein Leben mit einem behinderten Kind vor. Unverdrossen stellen sie sich dem Unverständnis und den hilflosen Reaktionen im Freundes- und Verwandtenkreis. Bald verliert die Diagnose ihren Schrecken und die Vorfreude auf das gemeinsame Kind kehrt zurück.

Der Titel dieses Films benennt sein Thema: eine Abtreibung nach 24 Wochen. Er wird - als „24 Wochen“ bei der letztjährigen Berlinale im Wettbewerb lief, war das so - für Diskussionen, Streit, Aufregung sorgen. Wobei es weniger der Film selbst sein dürfte, der für kontroverse Meinungen verantwortlich ist, als die Frage: Darf man das? Ein Kind, das bereits lebensfähig wäre, im Mutterleib töten, weil es schwerbehindert zur Welt käme?

05.12.2017 - 20:00

Vor der Morgenröte; D 2016; Regie: Maria Schrader

Maria Schraders Drama "Vor der Morgenröte" über die Exilzeit von Stefan Zweig ist ein Historienfilm mit drängenden Fragen an die Gegenwart. Einfach einer der besten Filme des Jahres. (Spiegel)

VOR DER MORGENRÖTE erzählt episodisch aus dem Leben des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig im Exil. Auf dem Höhepunkt seines weltweiten Ruhms wird er in die Emigration getrieben und verzweifelt angesichts des Wissens um den Untergang Europas, den er schon früh voraussieht. Die Geschichte eines Flüchtlings, die Geschichte vom Verlieren der alten und dem Suchen nach einer neuen Heimat. Rio de Janeiro, Buenos Aires, New York, Petrópolis sind vier Stationen im Exil von Stefan Zweig, die ihn trotz sicherer Zuflucht, gastfreundlicher Aufnahme und überwältigender tropischer Natur keinen Frieden finden lassen und ihm die Heimat nicht ersetzen können. Ein bildgewaltiger historischer Film über einen großen Künstler und dabei ein Film über die Zeit, in der Europa auf der Flucht war.

Maria Schraders Film über die letzten Lebensjahre Stefan Zweigs ist weniger ein Biopic im strengen Sinne als die psychologische Studie eines Mannes, dessen humanistisches Weltbild von den politischen Ereignissen eingeholt wird. Man müsse eine Zeitschrift mit jüdischen Autoren herausgeben, schlägt er einem Kollegen vor, um den Mythos der arischen Überlegenheit zu widerlegen. Der Intellektuelle kann nicht anders, als dem irrationalen Hass mit Humanismus zu begegnen. Er verteidigt seine "Inseln der Unabhängigkeit", wie es im Film einmal heißt, obwohl sich längst abzeichnet, dass auch diese Inseln zu verschwinden drohen. Zweig muss über London und New York nach Brasilien fliehen. Tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt befindet er sich zwar in Sicherheit, doch seine privilegierte Situation löst in ihm Schuldgefühle aus. Jeden Tag erreichen ihn ein Dutzend Hilfsgesuche von Freunden und Kollegen, die auf seine Fürsprache hoffen, damit sie ebenfalls im Ausland ein besseres Leben beginnen zu können.

Maria Schrader findet in ihrer zweiten Regiearbeit ruhige, psychologisch aufgeräumte Bilder für diese inneren Konflikte.

19.12.2017 - 20:00

Toni Erdmann, D 2016; Regie: Maren Ade

Die Tragikomödie "Toni Erdmann" ist als bester Spielfilm mit dem Europäischen Filmpreis prämiert worden - und holt noch vier weitere Preise. Maren Ade wurde als beste Regisseurin geehrt.

Peter Simonischek ist Toni Erdmann und er ist Winfried, 65, ein Musiklehrer mit ausgeprägtem Hang zum Scherzen, der mit seinem alten Hund zusammenlebt. Seine Tochter Ines - gespielt von Sandra Hüller - ist eine Karrierefrau, die um die Welt reist, um Firmen zu optimieren. Vater und Tochter könnten also nicht unterschiedlicher sein: Er, der gefühlvolle, sozialromantische 68er, sie, die rationale Unternehmensberaterin, die bei einem großen Outsourcing-Projekt in Rumänien versucht aufzusteigen und sich in einer Männerdomäne zu behaupten. Da Winfried zu Hause also nicht viel von seiner Tochter sieht, beschließt er, sie nach dem Tod seines Hundes spontan zu besuchen. Statt sich anzukündigen, überrascht er sie mit Scherzgebiss und Sonnenbrille in der Lobby ihrer Firma

In ihrem dritten Spielfilm hat sich Maren Ade  in jenes Gefühl zurückgegruselt, das Eltern in einem ausgelöst haben, als auf dem Schulfest keiner am Tisch ihren Witz lustig fand. Um dieser beklemmenden Mischung aus Scham und Ausgeliefertsein nach dem Auszug zu entkommen, redet man sich gerne ein, dass man nichts mit den eigenen Eltern gemein habe außer zufällig den Genen. Freunde, heißt es dann, seien die wichtigsten Beziehungen. Oder, wie im Leben von Ines, eben Kollegen oder Kunden. Über diese moderne Halluzination beugt sich Ade mit ihrem menschenfreundlichen und herrlich komischen Blick.